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"vorwärts online" vom 26.4.2006

"Zeigen wie’s geht"

Einwanderer in Deutschland: Wie integriert sind sie? Welche Rolle spielt die Religion? Der „vorwärts“ besuchte eine Schule, eine islamische Familie, den berüchtigten Berliner Rollbergkietz und sprach mit dem saudischen Botschafter. Das Bild ist bunt, ein Urteil fällt schwer. Die Momentaufnahmen beginnen mit dem Schulbesuch im Berliner Problembezirk Moabit. 
Eine Berliner Hauptschule schickt einen Hilferuf. Zu viel Gewalt, Unterricht ist nicht mehr möglich. Schnell sind die Schuldigen ausgemacht: die Politik. Die Ausländer. Die Integrationsunwilligen. Die Eltern. Ebenso einfach sind die angebotenen Lösungen: mehr Polizei, weniger Sozialleistungen für „Integrationsunwillige“, die Eltern in die Pflicht nehmen, mehr Lehrer. Die Realität ist komplexer, das zeigt ein Besuch in der Heinrich-von-Stephan-Schule Berlin-Moabit: fast 50 Prozent Ausländeranteil, mehr als die Hälfte der Eltern langzeitarbeitslos. Anfang der 80er Jahre galt die Schule als „unregierbar“ und sollte geschlossen werden. Zu viel Gewalt, Vandalismus, Perspektivlosigkeit. Da gab es die Ausländerproblematik noch gar nicht. Heute hat die Schule mehr Anmeldungen, als sie Schüler aufnehmen kann. Seit 1999 ist sie integrierte Haupt- und Realschule. Die Schule zeigt: Es geht – wenn man es richtig macht.

Erste Stunde, Viertel vor acht morgens, 7. Klasse. Die meisten Kinder sind schon da. Schulleiter Jens Großpietsch und Lehrerin Karin Jaeger, mit der er zusammen die 25 Schüler unterrichtet, auch. Zwei Jungen rangeln, eine Schülerin mit Kopftuch und schon etwas größer mahnt, aufzuhören. Die beiden setzen sich wieder auf ihre Stühle. Kein Lärm, kein Toben, leises Plaudern, die Schüler packen aus. Frau Jäger wird später von Tisch zu Tisch gehen und zählen, ob alles da ist: drei Hefte, Textmarker, Stifte, Radiergummi, Anspitzer. Wer etwas nicht dabei hat, wird nach Hause geschickt, es zu holen. Feste Regeln, an die sich alle halten, auch die Lehrer, sind Teil des Schulkonzepts.
Dass heute ein Diktat geschrieben wird, wissen (fast) alle. Es wird von der Klassenversammlung handeln, die einmal pro Woche stattfindet. Der Text gibt Einblick ins Schulleben. Jens Großpietsch, der selbst 22 Stunden die Woche unterrichtet, liest erstmal den ganzen Text vor: „In der Klassenversammlung wird über alles gesprochen, was unsere Klasse und die Schule betrifft.“ Und: „Auch kritisieren wir die Lehrer, wenn uns der Unterricht nicht gefallen hat.“ Oder: „Zuerst spricht immer der, der den entsprechenden Punkt notiert hat.“ Als Großpietsch am Ende des Textes anlangt, applaudieren die Kinder. Das ist bei Diktaten eher unüblich. Beim Schreiben nachher wird es dennoch angestrengte Schnaufer geben. Am Ende haben alle fünf Minuten Zeit, um im Duden Wörter nachzuschlagen, die sie nicht kennen. So wird selbst ein Diktat genutzt, um etwas dazuzulernen. 
Großpietsch ist seit Anfang der 80er Jahre dabei und hat geholfen, die Schule „zu drehen“, als alles drunter und drüber ging. „Damals traf der Schulrat eine weise Entscheidung“, sagt er. „Er hat gesagt, ‚machen Sie was Sie wollen. Hauptsache, Sie stehen nicht in der Presse.“ Diese Freiheit nahm sich das Kollegium. Vorbild ist die Reformpädagogik. „Eigentlich etwas Ur-Sozialdemokratisches“, sagt Großpietsch. Reformschulen – ob Montessori, Steiner oder Jena-Plan – orientieren sich pädagogisch an den Interessen und Fähigkeiten des Kindes, an seinen Stärken und Schwächen. Das bedeutet individuelle Förderung, viele selbstständige Lernmöglichkeiten und die Eltern mit ins Boot zu holen.

Aber wie bindet man Menschen ein, die aufgrund eigener negativer Schulerfahrungen feuchte Hände bekommen, bevor sie ein Schulgebäude betreten? „Mit allen Eltern führen wir vor der Einschulung im Beisein der Kinder ein halbstündiges Gespräch“, sagt Großpietsch. „Wir fragen sie z.B., wo die Kinder gut sind – ob beim Kuchen backen, Fahrrad fahren, Bilder malen, Radios reparieren, egal.“ Eine Frage, die viele Eltern sprachlos mache. „Die können wunderbar erzählen, was ihre Kinder nicht können, aber nicht, was sie können.“ Mit jedem Schüler macht die Schule dann Eingangstests. Später wird regelmäßig geguckt, was das Kind dazu gelernt hat. Dieses Messen des Lernfortschritts gehört zum Schulkonzept. „Der Lernzuwachs interessiert uns mehr als die Note“, sagt Großpietsch. Schließlich ist es ein Riesenfortschritt, wenn statt 25 Fehler im Diktat nur noch 12 gemacht werden. Ein Balkendiagramm, das in jeder Klasse hängt, dokumentiert die Lernentwicklung der Schüler von Test zu Test. Ein Blick darauf zeigt: Fast alle Balken werden kürzer, und die längsten Balken schrumpfen oft am meisten. Das spornt an. „Wenn die Kinder sehen, dass jemand im Förderunterricht war und viel besser geworden ist, wollen sie auch teilnehmen“, so Großpietsch.

Außerdem besitzt jeder Schüler einen „Lernkasten“. Darin befinden sich Karteikarten mit Wörtern oder Redewendungen, die gelernt werden sollen. Jeder Schüler arbeitet seinen Kasten in seinem eigenen Tempo durch, und lernt so z.B., dass man „beim Trinken“ groß, und wann man „dass“ mit „ss“ schreibt. Im Rechenunterricht gibt es Arbeitsbögen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Rechenarbeiten werden geschrieben, wenn ein Schüler einen bestimmten Stoff geschafft hat. Die Arbeitsmaterialien erstellen die Lehrer selbst. Das ist viel Arbeit, aber das Ergebnis zeigt, dass die Mühe sich lohnt. Beim Pisa-Test 2003 schloss die Heinrich-von-Stephan-Schule überdurchschnittlich gut ab, nicht nur bei den Fähigkeiten der Schüler, sondern auch bei Arbeitsmotivation und Lernzufriedenheit.

Wie die Lehrer das alles schaffen? Der Berliner Senat unterstützt Schulen in Problem-Stadtteilen mit zusätzlichen Lehrerstellen. Das Zahlenverhältnis Lehrer-Schüler beträgt in Berliner Hauptschulen zwischen 1 zu 7,5 und 1 zu 15. An der Stephan-Schule unterrichten in der Hälfte aller Stunden zwei Lehrer parallel eine Klasse. Die Klasse ist zwar größer – über 20 Schüler – aber dafür sind die Lehrer keine Einzelkämpfer mehr und können sich wechselseitig Rückmeldung geben. Dass ist wichtig, denn wie man mit „schwierigen“ Kindern umgeht, gehört nicht zur Lehrerausbildung. Aussuchen konnte sich Großpietsch seine Kollegen genauso wenig, wie die Schulleiter anderer Berliner Schulen. „Wer partout nicht an diese Schule will, den nehmen wir nicht“, sagt Großpietsch. „Lieber akzeptieren wir für eine Weile eine Minderausstattung.“

Und, gibt es Pläne für die Zukunft? Selbstverständlich. Sie wollen eine Schule von Klasse 1 bis 10 werden und selbstverständlich eine Ganztagsschule. Gerade bereitet sich eine Kollegin darauf vor, wie die Schule Eltern bei Erziehungsproblemen besser helfen kann. Andere Berliner Schulen machen mit dieser Elternschule gute Erfahrungen. Die Nachfrage ist groß. Schließlich wollen alle Eltern das Beste für ihr Kind. Bald können sie in der Stephan-Schule lernen, wie sie das am besten anstellen.

Mehr über Reformschulen:
www.blickueberdenzaun.de