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Von Mathias Stengel

Berliner Morgenpost, 14.12.2004

Mit Strenge zum Erfolg

Moabit: Einst verrufene Stephan-Schule jetzt Mustereinrichtung

Taschenkontrolle vor dem Unterricht: Lehrer Andreas Hanika prüft, ob Bücher und Hefte vollzählig sind und Handys zu Hause gelassen wurden

An der Heinrich-von-Stephan-Oberschule läuft einiges anders als anderswo. Kein Graffito verunziert das betagte Backsteingebäude, hinter der grünen Schulpforte herrscht kein Lärm, niemand rast herum. Der Umgang miteinander ist freundlich. Nicht mal ein Pausenklingeln stört die Ruhe.
Die Haupt- und Realschule mit 280 Schülern und 25 Lehrern im Problemkiez Moabit gilt längst als eine Vorzeigeeinrichtung für gelungenen integrativen Schulalltag. Mit eisernen Regeln und zusätzlichen Lernangeboten ist es dem Pädagogenteam um Schulleiter Jens Großpietsch gelungen, aus der verrufenen Rabauken-Lehranstalt der 80er Jahre eine über die Bezirksgrenzen hinweg bei Eltern und Kindern gleichermaßen beliebte Schule zu machen.
Handy, Walkman und Kaugummi sind in der Schule strengstens verboten. Mit regelmäßigen Taschenkontrollen überwachen die Lehrer die Einhaltung der Regeln. "Erst heute früh haben wir wieder kontrolliert", berichtet Deutschlehrer Andreas Hanika. Gemeinsam mit seiner Kollegin Vera Rettner unterrichtet er die 25 Schüler der Klasse 7.3 - so wie in allen Klassen Haupt- und Realschüler gemeinsam. Da kann jeder Hauptschüler durch Leistungen zum Realschüler werden und bleibt trotzdem in seiner Klasse. Als ein Mädchen Kaugummi kauend dem Lehrer eine Antwort gibt, muß sie das Klassenzimmer verlassen. Sie weiß, warum. Hanika: "Die Schüler der siebenten Klassen sind ja erst seit vier Monaten bei uns, die müssen die Regeln noch lernen."

Allein für das laufende Schuljahr habe es für die drei siebenten Klassen 110 Anmeldungen für 75 Plätze gegeben, berichtet Großpietsch, der seit 20 Jahren dort Schulleiter ist. Ein großer Erfolg für eine Schule, an der früher Waffen in Schultaschen, Prügeleien auf dem Pausenhof und Feuerwehreinsätze zum Alltag gehörten und die Schulleiterin nach jahrelangem erfolglosem Kampf ins Krankenhaus mußte. Lehrer-Doppelbesetzungen im Deutsch- und Mathematikunterricht sind Standard an der Schule mit fünfzig Prozent Schülern nichtdeutscher Herkunft aus 30 Nationen - deshalb auch der intensive Sprachunterricht, deshalb auch die Türbeschriftung im Sekretariat in zehn Sprachen, deshalb auch die hohen Maßstäbe. "Bei den freiwilligen Vergleichsarbeiten der Berliner Schulen haben unsere Schüler überdurchschnittlich gut abgeschnitten", berichtet Großpietsch. Nicht ohne Grund wurde die Stephan-Oberschule im vergangenen Jahr für ihr pädagogisches Konzept mit der Theodor-Heuss-Medaille ausgezeichnet.

Manchmal kommen die strengen Regeln aus dem Mund des doch so sanft wirkenden Schulleiters wie Paukerweisheiten aus alten Zeiten daher, etwa wenn er die Kontrollen der Ranzen verteidigt: "Wer Chaos in seiner Schultasche hat, hat es auch im Kopf." Doch Großpietsch weiß auch, daß gerade hier, im Problemkiez Moabit, wo die meisten Sozialhilfeempfänger Berlins wohnen, nur jemand mit Schulabschluß eine vernünftige Perspektive hat. Deshalb gehören Schülerpraktika auch zum Einmaleins der Schule. Großpietsch: "Gerade unsere Schüler müssen intensiv aufs Arbeitsleben vorbereitet werden. Viele wissen von ihren Eltern ja gar nicht, was arbeiten überhaupt ist."