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Von Janine Wergin

dpa 05.05.2006

Berlin (dpa) - An der Tür des Sekretariats der Berliner Heinrich-von-Stephan-Schule hängt ein Zitat des Philosophen Karl Popper: «Es hat keinen Sinn zu sagen: Alles ist schlecht. Die wirkliche Fragestellung ist: Was können wir tun, um es vielleicht nur ein kleines bisschen besser zu machen?» Das entspricht dem Credo der integrierten Haupt- und Realschule in dem Berliner Stadtteil Moabit.

Anfang der 80er Jahre war die Heinrich-von-Stephan-Schule ähnlich von Gewalt geprägt wie die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln, die derzeit wegen eines Hilferufs der Lehrer für Schlagzeilen sorgt. Sie galt als scheinbar «unregierbare Restschule» und stand vor der Schließung. Heute hat sie strikte Regeln - und einen guten Ruf. Ihre Entwicklung wird als beispielhaft angesehen.

Der Rektor der Heinrich-von-Stephan-Schule Jens Großpietsch sagt, kurzfristig seien derartige Probleme nicht lösbar. «Zwei Jahrzehnte sind vergangen, in denen wir Schritt für Schritt etwas verändert haben. Das zeigt die zeitliche Dimension, die dahinter steckt.»

Früher habe es Bombendrohungen, Messerstechereien und Nervenzusammenbrüche gegeben. «Dem Oberschulrat flog bei seinem Besuch ein Toilettendeckel entgegen», erinnert sich Großpietsch, der seit 30 Jahren an der Schule arbeitet. Nachdem die Direktorin 1982 in die psychiatrische Klinik kam, blieb die Schulleitung ganze zwei Jahre unbesetzt.

Das Kollegium habe sich schließlich selbst zusammengesetzt, die Schüler frühzeitig einbezogen und nach und nach Vereinbarungen getroffen. Die Regeln, die heute gelten, sind streng und klar: Keine Handys, Kaugummis und Mützen während des Unterrichts. Schüler und Lehrer grüßen sich. Fremde werden in der Schule willkommen geheißen und höflich gefragt, was sie und zu wem sie möchten. Dorthin werden sie begleitet. Bitte und Danke sind keine Fremdwörter.

In einem Modellprojekt wurde die Heinrich-von-Stephan-Schule 1999 zu einer integrierten Haupt- und Realschule umgebaut. «Haupt- und Realschüler besuchen eine Klasse», sagt Großpietsch. Es gebe zwei Klassenlehrer. In Mathematik und Deutsch unterrichten immer zwei Pädagogen gleichzeitig. Den Mädchen und Jungen gefällt das Konzept: «Die Schüler fördern sich gegenseitig», sagt die 15-jährige Nadine. Das könnte künftig auch in der Rütli-Schule der Fall sein. Dort wird bereits über eine Zusammenlegung mit der Realschule im selben Gebäude nachgedacht.

Was in der Neuköllner Schule passiert, ist für viele Schüler der Moabiter Einrichtung befremdlich. «Ich hab in unserer Schule noch nie eine Waffe gesehen», sagt der 15-jährige Pascal. Etwa die Hälfte der 270 Schüler sind nicht-deutscher Herkunft. Dass es trotzdem ruhig zugeht, ist für die Mädchen und Jungen normal. «Vor einem Fernseh- Interview zu unserer Schule haben mich ein paar Schüler gefragt, was sie denn sagen sollen. Sie verstehen nicht, was an ihrer Schule besonders sein soll», sagt Großpietsch.

Dennoch wehrt sich die Vorzeige-Schule, die 2003 sogar die Theodor-Heuss-Medaille für ihre Entwicklung gewonnen hat, gegen das Bild, das in der Öffentlichkeit von ihr gezeichnet wird. «Ich mag diese Schwarz-Weiß-Malerei nicht. Wir haben uns von einem Extrem-Dunkelgrau zu einem hellen Grau entwickelt», meint Großpietsch. Ein bis zwei Mal im Jahr gebe es auch an seiner Schule körperliche Auseinandersetzungen. Doch auch dann greift das Reglement der Schule: «Jeder Fall wird zur Anzeige gebracht.»