Vom Notfall zum Musterbeispiel
Eine Moabiter Schule hat mit strengen Regeln Erfolg
BERLIN. An der Heinrich-von-Stephan-Oberschule in Moabit ist vieles anders als an den meisten anderen Schulen. Zum Beispiel gibt es hier keine Klingel. Trotzdem beginnt und endet der Unterricht pünktlich. Das ist eine der wichtigsten Regeln. Überhaupt herrscht hier ein strenges Regelwerk, das konsequent durchgesetzt wird: Handy-Verbot auf dem Schulgelände, kein Kaugummi und keine Mützen im Unterricht. Hat jemand sein Material nicht dabei, muss er es von zu Hause holen - notfalls drei Mal die Woche. "Das nervt die Schüler irgendwann selbst", sagt Schulleiter Jens Großpietsch.
Seine Schule gilt als Beispiel dafür, dass an Hauptschulen nicht automatisch albtraumhafte Zustände herrschen müssen. "Im sozialen Bereich haben wir die Probleme ganz gut im Griff", sagt Großpietsch, der die Schule seit gut 20 Jahren leitet und 30 Jahre kennt. Seit sieben Jahren ist sie eine integrierte Haupt- und Realschule. Jeder hat hier die Möglichkeit, einen Realschulabschluss zu machen - und muss trotzdem nicht die Klasse wechseln.
"48 Prozent der Schüler sind nicht deutscher Herkunftssprache", sagt Großpietsch. "Wenn das 70 oder gar 90 Prozent sind, ist es natürlich viel schwieriger", sagt er im Hinblick auf Schulen wie die Rütli-Schule.
Respekt und Kooperation
An seiner Schule werden Zusammenarbeit und gegenseitiger Respekt großgeschrieben. Das gilt für Lehrer, Schüler und Eltern. So unterrichten immer zwei Lehrer gleichzeitig. Jede Woche bekommen die Eltern eine schriftliche Rückmeldung über ihr Kind, die Schüler können regelmäßig ihre Meinung und Kritik äußern. In jeder Klasse sind zwei Schüler zu Streitschlichtern ausgebildet.
Vorab werden die Eltern über die Besonderheiten der Schule informiert. "Die finden das gut", sagt Großpietsch. Und die Schüler? "Die breite Masse will lernen und das in einer angenehmen Atmosphäre", sagt der Schulleiter. "Es gibt immer eine Minderheit, die das nicht will. Aber man muss eben dafür sorgen, dass die Minderheit nicht zur Mehrheit wird." Deshalb wird strikt durchgegriffen. "Es prügeln sich auch mal welche. Aber dann gibt es sofort eine Anzeige."
Nicht immer war es an der Oberschule so wie heute. Anfang der 80er-Jahre gehörten Waffen, Prügeleien, Polizeieinsätze und Nervenzusammenbrüche zum Alltag, die Schule galt als unregierbare Restschule. Mit der Durchsetzung einfacher Regeln hat man begonnen und diese dann ausgeweitet.
Für ihre wegweisenden Konzepte und Erfolge hat die Heinrich-von-Stephan-Schule zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten. Hochverdient, wie sich gerade jetzt wieder zeigt.
