Der Schritt zur integrierten Haupt-Realschule
So begannen wir Anfang der 90iger Jahre ein Konzept für eine integrierte Haupt- Realschule zu entwickeln, fuhren mit den Kollegen/innen nach Hamburg, wo es solche Schulen schon gab und legten schließlich einen Antrag beim Schulsenat auf die Einrichtung des Schulversuches integrierte Haupt- Realschule vor.
Kernbestandteile unseres Konzeptes waren: Haupt- Realschüler/innen besuchen eine Klasse. Ihr Status (Haupt- oder Realschüler/in) kann sich je nach erbrachten Leistungen halbjährlich ändern. Die Stundentafel wurde so verändert, dass wir die Vorteile des alten Systems, z. B., dass alle Schüler/innen verpflichtend Arbeitslehre belegen und bei uns in der 10. Klasse Mitglied einer Schülerfirma sind, ebenso wie die wöchentliche Klassenversammlungsstunde beibehalten konnten.
Wir führten einen Wahlpflichtbereich ein, den sonst nur die Realschulen in Berlin hatten und um u. a. auch Französisch als zweite Sprache für alle Schüler/innen in diesem Bereich anbieten können.
Kaum war der Antrag gestellt, wehte uns ein heftiger Wind aus allen möglichen Richtungen entgegen. Die Realschullobby meinte schlicht, so ein Modell könne gar nicht funktionieren. Realschüler gehören an die Realschule usw. Die damals zuständige Schulrätin für Realschulen brachte es mit der Bemerkung auf den Punkt: „Die Realschullehrer möchten nicht die zum Teil kriminellen Hauptschüler/innen in ihren Klassen haben.“ Die Gesamtschullobby sah in ihrem Modell den einzigen Weg zu einer integrativen Schule. Die damalige Schulsenatorin vertrat ebenfalls diese Haltung.
Die Presse erkannte zwar unsere Arbeit an, beurteilte aber unsere Vorhaben eher skeptisch.
Lediglich die Grüne Abgeordnete Sybille Volkholz (ehemalige Schulsenatorin in Berlin) unterstützte unseren Antrag und brachte dazu immer wieder „Kleine Anfragen“ ein. Schließlich hatte sie und somit wir Erfolg und wir wurden mit einer anderen Schule, die sich unserem Antrag anschloss, als Schulversuch genehmigt.
Bei der Aushandlung der Schulversuchsgenehmigung zeigte sich die Realschulvertreterin des Schulsenats als erwartungsgemäß besonders kritisch. In die Schulversuchsgenehmigung musste festgeschrieben werden, dass mindestens 1/3 der aufgenommen Schüler/innen eine Realschulempfehlung von der Grundschule haben müssen, damit auch integrierte Haupt- Realschulklassen aufgenommen werden können - dies mit dem Hintergedanken, es würde uns nicht gelingen genug realschulempfohlene Schüler/innen aufzunehmen und der Schulversuch sei deshalb gescheitert. Die Bestrebung, möglichst viel äußere Differenzierung durchzuführen, konnte zum Glück abgewendet werden.
Was als Hürde für uns gedacht war, erwies sich als nützlich. So erreichten wir vom ersten Schuljahr an die gewünschte Schülerzusammensetzung, wurden auch gegenüber den Eltern glaubhafter (Was außen draufsteht, ist auch innen drin). Im Gegensatz zu den meisten Gesamtschulen in Berlin, die von einer Drittelung ihrer Schülerschaft weit entfernt waren, erreichten wir die geforderten Zahlen. So hatten wir sogar schon das Problem, realschulempfohlene Schüler/innen ablehnen zu müssen, denn es hatten sich über 50% angemeldet.
Viele Um- und Irrwege wurden beschritten und wieder korrigiert. So hatten wir von Beginn an die Sorge, den leistungsstärkeren Schüler/innen nicht gerecht zu werden. Dies führte dazu, dass stundenweise die Lerngruppen nach Leistungsvermögen aufgeteilt wurden. In Mathematik wurde ein Jahr ausprobiert, drei Klassen auf sechs (!) vermeintlich homogene Leistungsgruppen aufzuteilen und getrennt zu unterrichten.
In Englisch teilten wir die Klassen bald nach fachspezifischen Leistungskriterien. Man meinte beispielsweise, es kämen die leistungsstärkeren Schüler/innen gerade im mündlichen Bereich nicht weit genug voran.
Die Kollegen/innen machten jedoch die Erfahrung, dass ein Wechsel zwischen den Gruppen, schon gar nicht der Aufstieg, höchst selten war.
Mussten die Gruppen jedoch gelegentlich zusammengelegt werden, stellte man fest, dass die leistungsrelevante Zuordnung doch nicht so passgenau war. Die Schüler/innen, die sich in den leistungsschwächeren Kursen befanden, wurden noch demotivierter als vorher; wir hatten, ohne es bewusst zu merken, das alte Hauptschulsyndrom plötzlich stundenweise wieder eingeführt.
Wir strebten daher eine konsequente Schülermischung 1:1 an; d. h. Hälfte Jungen, Hälfte Mädchen, Hälfte Schüler/innen nichtdeutscher Herkunftssprache, Hälfte hauptschulempfohlene Schüler/innen. Steuern konnten wir dies bisher, weil es immer zu viele Anmeldungen gab.
Die Mischung der Schüler ist wichtig!
„Die eigentliche Frage ist die Konzentration von bestimmten Schülern an bestimmten Schulen. Dadurch werden Probleme geschaffen, die sich bei einer vernünftigen Mischung der Schülerschaft gar nicht erst ergäben. Auf die Mischung kommt es an - und das betrifft nicht nur die Sprache. Mischung ist notwendig! Wenn mehr als die Hälfte einer Schülerschaft nicht angemessen Deutsch sprechen kann - wer ist sprachliches Vorbild? Es bleibt dann nur eine Frage der Höflichkeit, Deutsch zu sprechen. Ansonsten können nicht alle Beteiligten dem Gespräch folgen. Sie fühlen sich ausgeschlossen, der Keim zu Ausgrenzung und Konflikt ist gelegt.
Oder versammle ich alle Hartz-IV-Empfänger an einer Schule, dann wird die Einrichtung eines Schulfördervereins zumindest finanziell fragwürdig. Und schulische Berufsfindungskonzepte für die Schüler gehen eines wichtigen Teils verlustig - der Besichtigung des Arbeitsplatzes der Eltern. Bringe ich alle Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern an einer Schulform zusammen - dann bin ich bei der Hauptschule, die in manchen Bundesländern genau jene Nachteilsmischung erzeugt, die niemand will. Es gibt viele Schulen mit über 75 Prozent Schülern nichtdeutscher Herkunftssprache. Etliche der Probleme, mit denen heute zu viele Schulen ringen, ist die mangelnde Mischung der Schülerschaft“2.
Zentrale Prüfungen und Pisa 2003 zeigten uns, dass wir bei den leistungsstärkeren Schüler/innen sehr gut im Vergleich abschneiden, aber nur gut bei den anderen Schüler/innen.
Konsequenz daraus war, dass wir bis auf Englisch in Klasse 10 seit Jahren nun keine äußere Leistungsdifferenzierung mehr hatten und damit ein wichtiges Kriterium der Gemeinschaftsschulen schon vorher erfüllten. Das Sitzbleiben wurde ebenfalls schon vor Gemeinschaftsschulzeiten abgeschafft.
Eine Verschlechterung der Ergebnisse ist dadurch nicht eingetreten, vielmehr sind die Ergebnisse insgesamt besser geworden. Im Vergleich, z. B. Gesamtschulen oder Realschulen, hatten wir eine deutlich niedrigere Zahl von Fehlzeiten der Schüler/innen, die in Berlin zentral erfasst werden. Außerdem hatten wir bessere Ergebnisse bei den mittleren Schulabschlüssen und eine geringere Zahl von Schüler/innen, die die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen.
