Die historischen Gegebenheiten
Schon in der Mitte der 70iger Jahre zeichnete sich in Berlin, stärker noch als in anderen Bundesländern, die Entwicklung ab, dass die Hauptschule die Schule für all jene Schüler/innen ist, die an anderen Schulformen, einschließlich der Gesamtschule, scheitern. Dies wurde an unserer Schule konkret noch dadurch verschärft, dass die damalige Schulleitung jede Form sinnvoller Organisation geschweige denn innerer Schulreform verhinderte. Sie versuchte die Schule nach dem Schulgesetz und allen Verordnungen buchstabengetreu zu regeln und zu reglementieren. Dies führte zu einem totalen Chaos, denn jede Schule braucht ein Mindestmaß an innerer Gestaltungsfreiheit, damit das Lernen an sich stattfinden kann. Außerdem lag unsere Schule im so genannten sozialen Brennpunkt mit zunehmend negativen Tendenzen. Die Schulleitung wurde abgesetzt und wir als Kollegium waren zwei Jahre uns selbst überlassen – immer noch als reine Hauptschule. Eine Phase, in der wir keine Schuldzuweisungen, wenn im Inneren unserer Schule etwas nicht lief, nach „oben“ aussprechen konnten.
Zwar konnten wir die Schulform nicht überwinden, der Wunsch bestand schon zum Beginn der 80iger Jahre mehrheitlich auch in unserem Kollegium, aber jede innere Reform war uns möglich. Kein Schulrat, keine Schulrätin wollte und konnte uns daran hindern. „Machen sie was sie wollen, solange es den Schülern/innen nützt und sie nicht negativ in der Presse stehen“, war der Hinweis von „oben“.
Es war also an uns, die Schule neu zu organisieren und zu gestalten und das ist es letztlich immer – nur selten war es so deutlich sichtbar.
Vielleicht muss es innerhalb eines Zeitraumes von 10 bis 15 Jahren eine Phase von ein bis zwei Jahren geben, in der eine Schule keine (alte) Schulleitung hat und ihr dadurch großer Handlungsspielraum gelassen wird. So entsteht eine konstruktive Handlungsoption, um Schulreform im Inneren beschleunigen zu können.
Erste Schritte zur inneren Reform
Notwendige Organisationsaufgaben im Inneren der Schule sowie die Vertretung der Schule nach Außen mussten gefunden werden. Vier Kollegen/innen wurden gewählt, die die Leitungs- bzw. Organisationsaufgaben übernahmen, bei weitmöglichster Eigenverantwortung des Kollegiums.
Auch wenn es heute einen offiziellen Schulleiter und Konrektor gibt, so kommen auch immer zwei Kollegen/innen dazu und alle vier lassen sich alle drei Jahre in geheimer Abstimmung wählen bzw. abwählen, auch wenn dies schulrechtlich so nicht vorgesehen ist. Räumlicher Ausdruck dieser Leitungsform ist, dass alle Schulleitungsmitglieder ganz normal im Lehrerzimmer ihren Platz haben, es einen Besprechungsraum für alle Kollegen/innen und Eltern gibt, aber kein Schulleitungszimmer.
Schulleitung sollte demokratisch legitimiert sein, so kann sie immer Teil, im besten Fall Motor, eines Prozesses sein, der dauerhaft das Kollegium in Reformbestrebungen nicht ausbremsen kann.
So klein die ersten gemeinsamen Veränderungsansätze waren; z. B., dass wir Lehrer/innen freundlich und pünktlich sind und erst dann dies auch von unsren Schüler/innen erwarten können, so wurde uns eines schnell deutlich: Es kommt in erster Linie darauf an, dass gefasste Beschlüsse auch eingehalten werden und es ist wichtiger, dass die Inhalte gelebt werden, als dass sie schriftlich irgendwo festgehalten sind.
So gibt es bis heute keine Hausordnung, sehr wohl aber ausführliche Standards, in denen vorrangig beschrieben ist, was von unseren Kollegen/innen erwartet wird. Diese Standards stehen immer wieder auf dem Prüfstand. So lang aber nicht ausdrücklich mehrheitlich etwas anderes beschlossen wird, gelten sie im Detail.
In jedem Kollegium gibt es ausgesprochene, formulierte oder unausgesprochene Verhaltens- und Arbeitsstandards, die im schlechtesten Fall bedeuten: Jede/r macht was er/sie will. Unter den erschwerten Bedingungen „Hauptschule“ werden Fehler in der Zusammenarbeit der Kollegen/innen nur besonders schnell schmerzlich deutlich, weil u. a. die Abschulungsmechanismen nicht greifen. Dies ist vielleicht eine Erklärung dafür, dass zumindest an Berliner Hauptschulen mehr Absprache- und Reformbestrebungen vorhanden sind, als an anderen Schulformen der Sekundarstufe I und gerade in Sekundarstufe II.
Gleichzeitig, zur Schaffung und Erhaltung eines geordneten äußeren und inneren schulischen Umfeldes (Ohne äußere keine innere Ordnung), begannen vielfältige Bestrebungen den Unterricht effektiver zu gestalten.
