Die Entstehung der Schülerfirma
Die Lehrer dieser Hauptschule (ab Sommer 1999 die erste integrierte Haupt- und Realschule in Berlin, ab Sommer 2008 Gemeinschaftsschule) waren seit langer Zeit unzufrieden mit der Durchführung des Arbeitslehreunterrichts und den von der Wirklichkeit der Schüler isolierten "Produkten", die meist am Ende des Schuljahres in den Schränken der Schule verstaubten, da nicht einmal die Schüler selbst ihre eigenen Flaschenöffner, Aschenbecher oder die zu einer bestimmten Zeit allseits beliebten "Stövchen" mit nach Hause nehmen wollten.So traf das Medienpaket "Modern Wood – Schüler gründen einen Betrieb" (beschrieben wird die Betriebsgründung der Justus-von-Liebig-Hauptschule aus Moers) auf fruchtbaren Boden. Im Schuljahr 1995/96 wurde der erste Versuch mit der Uhrenfirma "BIG BEN" gestartet, dem bislang weitere acht Projekte folgten ("STIB – Schüler tun ihr Bestes" – "Reprokrüma", "S.A.M. – Schüler arbeiten miteinander", "SAAT - Schüler arbeiten als Team)", "C.O.P.A.", "S.T.E.F.I" und zur Zeit die Schülerfirma "SEDI" - Schüler ergreifen die Initiative", "Fast Forward" und SAAT 2008). Für die zwei 10. Klassen unserer Schule stehen normalerweise drei Arbeitslehrekollegen in den 9./10. Klassen zur Verfügung. Nach dem Erfolg der ersten Firma "BIG BEN" hat die Gesamtkonferenz der Schule bei der Unterrichtsverteilung allerdings beschlossen, dem Bereich Arbeitslehre für das Firmengründungsprojekt einen Lehrer mehr zur Verfügung zu stellen, so dass jetzt vier Lehrerinnen und Lehrer mit zwei Klassen arbeiten.
Diese Unterrichtsvorhaben sollen in besonderer Weise Eigeninitiative, Selbstbestimmungs- und Handlungsfähigkeit sowie Verantwortungsbewusstsein der Schüler fördern.
Die Schüler sollen sich mit "ihrer" Firma identifizieren, sie sollen ihre Tätigkeit nicht im luftleeren Raum ausführen und die hergestellten Produkte in der Versenkung verschwinden lassen, sondern sie sollen - wie im "richtigen Leben" - für einen Markt produzieren, mit allen Schwierigkeiten und Problemen, die die Marktwirtschaft mit sich bringt.
Da die Firma zu Beginn der 10. Klasse eingerichtet wird, kann an Vorkenntnisse der Schüler aus dem Arbeitslehreunterricht, Betriebserkundungen und dem Betriebspraktikum der 9. Klasse angeknüpft werden.
1. Vorlauf
Das "Firmengründungsprojekt" beginnt jeweils ab dem 1. Schultag des neuen Schuljahres und erstreckt sich über das gesamte Jahr.
Bereits in der 9. Klasse wird die Idee zur Gründung und Organisation eines Betriebes durch die Arbeitslehrelehrer (gleichzeitig auch die Klassenlehrer der beiden späteren 10. Klassen) an die Schüler heran getragen. Bei den letzten Projekten konnten schon Videofilme aus den vorherigen Firmen ‘BIG BEN’" und S.T.I.B. eingesetzt werden, die den Schülerinnen und Schülern das Projekt erläuterten.
Die Motivation ist bis jetzt immer sehr hoch.
Die erste Hauptschwierigkeit ist die Frage der Produktwahl. Es soll nicht nur ein Produkt hergestellt werden, sondern nach Möglichkeit mehrere, um verschiedene Technologien einsetzen zu können. Ein Arbeitsplatzwechsel innerhalb der einzelnen Abteilungen ist nicht impliziert, da die Einarbeitungszeiten zu lang sind.
Zu Beginn dieses Schuljahres einigen sich Lehrer und Schüler zuerst auf die zwei Produkte, die hergestellt werden sollen (Beispiele: Uhren aus Acryl, Siebdrucke aller Art –meist T-Shirts mit Firmen-, Schul- oder Vereinslogos-, CD-Ständer aus Holz, Pinnwände aus Metall, Schlüsselanhänger aus Kunststoff, Bilderrahmen aus Holz).
Hierbei wird Wert auf Neigungen und Fähigkeiten der Schüler und Lehrer gelegt sowie auf die technischen Möglichkeiten der Schule und die Chancen für einen "Markt".
Bei diesem Arbeitslehreprojekt kann es nämlich nicht so sein, dass nur Lehrer, einige Schüler und eventuell noch ein paar engagierte Eltern sich für die Produkte interessieren, sondern es müssen größere Aufträge eingeholt werden, die den Bestand der Firma für ein Jahr sichern, damit hier nicht der erste Misserfolg vorprogrammiert ist.
Mit dem Vorschlag für die Betriebsgründung und der Festlegung der Produkte stellen sich den Schülern viele weitere Fragen, die dann im Vorlauf zur eigentlichen Arbeit in den ersten zwei Wochen geklärt werden müssen.
2. Planung:
Bei der Betriebsgründung in der ersten Woche wird die Rechtsform von den Lehrern vorgegeben: Wir gründen eine GmbH, da in dieser Form auch eine unmittelbare Beteiligung aller Schüler als Gesellschafter möglich ist. Dazu werden in einer ersten Gründungsversammlung Gesellschafteranteile von 5,- DM zum Kauf angeboten, die von Schülern und Lehrern erworben werden können. Die Gesellschafteranteile sind gleichzeitig das Startkapital der neuen Firma.
Zu den rechtlichen Aspekten verweisen wir auf die Sachinformationen des Studienkreises Schule/Wirtschaft Nordrhein-Westfalen zum Gründungsprojekt "Modern Wood).
Zwei Schüler werden von der Gesellschafterversammlung zunächst kommissarisch als Geschäftsführer eingesetzt (Bewerbungen für die Geschäftsführerstellen konnten schon am Ende der 9. Klasse abgegeben werden).
Für alle weiteren Arbeitsplätze werden in beiden Klassenzimmern Stellenausschreibungen ausgehängt. Die darauf folgenden Bewerbungen werden von den beiden Geschäftsführern gemeinsam mit der Unternehmensberatung "HÜLADINO" (den vier Lehrern) ausgewertet. Nur die Schüler, die ein Bewerbungsschreiben abgegeben haben, können mit einer Stelle ihrer Wahl rechnen. Die anderen Schüler werden auf die noch offenen Stellen verteilt. Die Unternehmensberatung übernimmt die Information der Mitarbeiter, so dass nach zwei Wochen Vorlauf mit der Produktion begonnen werden kann.
3. Betriebsbeginn und -verlauf
Die Firma besteht aus vier Abteilungen, die jeweils von einem Lehrer betreut werden:
1. Produktionsabteilung in den Fachräumen für Mechanische Technologie (Holz, Kunststoff und Metall)
2. Produktionsabteilung in der Textilwerkstatt
3. Verwaltung
4. Küche/Kantine
In den Fachräumen für Mechanische Technologie können z.B. CD-Ständer, Kunststoffuhren, Pinnwände aus Metall u.ä. hergestellt werden. Es gibt einen Werkstattleiter, einen Lagerverwalter, einen Qualitätskontrolleur und die Fachkräfte für die Holz- bzw. Kunststoff- oder Metallverarbeitung.
In der zweiten Produktionsabteilung - der Textilwerkstatt - werden im Siebdruckverfahren T-Shirts, Sweat-Shirts oder andere Textilien bedruckt. Hier werden keine Einzelaufträge angenommen, sondern nur Aufträge ab 50 Stück, da die Firma die T-Shirts, das Sieb und die Farben selbst bezahlen muss und sich sonst eine Bestellung nicht lohnen würde.
Der Verwaltungsbereich besteht aus der Geschäftsführung und den Abteilungen Personalwesen und Marketing. Die Abteilungen Finanzen, Einkauf und Verkauf werden von den Geschäftsführern geleitet. Die Schüler müssen entsprechend ihrem Aufgabenbereich Preise kalkulieren, Kontakte zu Kunden aufnehmen, die Anwesenheit überprüfen, Material besorgen usw.
In der Finanzabteilung werden alle Geschäftsvorgänge buchungstechnisch erfasst. Eingehende Gelder werden auf das Firmenkonto eingezahlt, Lieferantenrechnungen überwiesen, Barausgaben für Firmeneinkäufe getätigt. Für das Firmenkonto ist ein Lehrer verantwortlich.
In der Personalabteilung wird die Personalkartei geführt (Bewerbungsunterlagen, Arbeitsvertrag, Übertragung der Fehlzeiten in eine Firmenliste - jeden Arbeitstag machen die Abteilungsleiter eine Meldung über fehlende Mitarbeiter-, und es werden auf der Grundlage der gültigen Tarifverträge die Löhne und Gehälter berechnet.
Eine ganz wichtige Funktion innerhalb der Firma nimmt die Marketing-Abteilung ein. Sie ist für Werbung, PR und die Selbstdarstellung der Firma in und außerhalb der Schule verantwortlich.
In den letzten Jahren wurden zwei Video-Filme gedreht, eine Fotodokumentation erstellt, Verlosungen organisiert, Interviews für Zeitungen und Rundfunk gegeben und natürlich Unmengen an Plakaten, Flugblättern und Flyern erstellt.
In der Kantine gibt es zwei leitende Positionen: zwei Chefköche, ferner die ihnen unterstellten Mitarbeiter. Es werden Essensmarken an alle Mitarbeiter der Firma, an Lehrer und andere Schüler verkauft. Das Kantinenpersonal hat zu entscheiden, welche Gerichte angeboten werden (es gibt immer zwei Gerichte, davon ein vegetarisches), den Einkauf zu organisieren, die Speisen zuzubereiten, das Essen zu servieren und natürlich alles aufzuräumen.
Das Kantinen-Restaurant hat an jedem Arbeitstag alle Hände voll zu tun. Die Schüler müssen in der Regel 30 und mehr Essen zubereiten und servieren. Da lernen die Schüler echte "Stresssituationen" kennen.
Die zwei Produktionsabteilungen sind im Arbeitslehretrakt der Schule untergebracht. Die Kantine arbeitet in den Fachräumen für Ernährung. Für die Verwaltung wurde ein Nebenraum eines Klassenraumes der 10. Klasse als Büro eingerichtet. Mehrere Computer, zwei Drucker und diverse Büromaterialien wie Ordner, Ablagen, Regale, Locher usw. werden von der Schule zur Verfügung gestellt. Seit kurzem steht auch ein Internet-Zugang zur Verfügung. An der ersten Homepage unserer Firma wird gearbeitet.
Dieser Arbeitslehreunterricht soll die Schüler zu selbständigem und verantwortungsvollem Arbeiten führen, das ernsthaft betrieben wird, aber auch mehr Spaß machen soll. Da die Schüler ihre Aufgaben verantwortlich wahrnehmen sollen, erkennen sie Zusammenhänge ganz direkt und diskutieren untereinander auf "betrieblicher Ebene".
In Gesellschafter- und Mitarbeiterversammlungen werden außerdem Probleme der Abteilungen besprochen; auf einer Betriebsversammlung wird nach einer Arbeitszeit von ca. drei Monaten später auch ein Betriebsrat gewählt, wenn nicht vorher zwingende Grnde eine vorzeitige Wahl notwendig machen. So wurde bei einem Projekt der Betriebsrat gewählt, nachdem es mit der Umsetzung eines Mitarbeiters in eine andere Abteilung Ärger zwischen der Geschäftsleitung und einer Produktionsabteilung gegeben hatte.
Für die Schulfirma stehen uns wöchentlich vier Unterrichtsstunden zur Verfügung. Bei dieser knapp bemessenen Zeit sind jeweils zwei Projektwochen zum Thema "Firma" geplant: die erste in der ersten Schulwoche , die zweite Mitte November 1998.
Das Entscheidende: Schüler und Lehrer lernen gemeinsam. Die Lehrer sind zwar wichtig, aber die Schüler sind für die Firma stark verantwortlich, ohne ihr Engagement läuft es nicht und dadurch entsteht eine andere, engagiertere Form des Lernens.
Die praktische bzw. aktiv handelnde Beteiligung der Schüler/innen
In allen vier Abteilungen der Firma steht das "Praktische Lernen" im Vordergrund. Ist es bei den beiden Produktionsabteilungen offensichtlich, so wird der Praxisbezug auch im Kantinenbereich mit der Planung, dem Einkauf, der Erstellung von Tagesgerichten deutlich.
Die Marketingabteilung arbeitet ebenfalls sehr praxisorientiert, von der Strategie der Werbekampagnen und der PR-Maßnahmen ist die "Solvenz" der Firma abhängig.
Als fächerübergreifende, praxisorientierte Maßnahmen, an denen die Schüler teilnehmen, lassen sich nennen:
Lebenslauf und Bewerbungsschreiben erstellen
Umgang mit standardisierten Textformen (Versicherungsformulare, Kontenblätter, Personalakten) lernen
Informationsentnahme aus Texten (Berufsbilder, Tarifverträge)
Einladungen verfassen für Betriebsversammlung, Gesellschafterversammlung, Sonderveranstaltungen, z.B. Verlosung, Geschäftsbrief verfassen
Handzettel verfassen
Prozent- und Zinsrechnung (Lohn- und Gehaltsabrechnung)
Grundlagen der Geometrie, Maßstab (Konstruktionszeichnung für CD-Ständer)
Buchführung
Kontoführung
Kalkulation (Menge-Preis-Umsatz)
Plakate, Werbeanzeigen, Kataloge und Handzettel gestalten
nach verschiedenen Fertigungsverfahren im Holz-, Textil-, Kunststoff und Metallbereich arbeiten
Einkaufs- und Kostenpläne erstellen
Einkaufen für Mittagessen (20 - 40 Personen)
Essen kochen nach Planung
Servieren
Hier ließen sich sicher noch weitere Punkte finden.
Als Fazit lässt sich festhalten:
Wer die Praxisorientierung im Arbeitslehreunterricht in den Vordergrund stellen möchte (und wer möchte das nicht?), sollte in den 9. oder 10. Klassen der Haupt-, Real- und Gesamtschulen einen Versuch mit einem Firmengründungsprojekt wagen. Voraussetzung sind engagierte Kolleg(innen), für die die "Firma" ein wichtiger Bestandteil ihres pädagogischen Selbstverständnisses ist oder werden könnte.
Werner Hüffer

